DER GLANZ DER FRAUEN

Über das Geheimnis des Glanzes … konnte ich beim Zuhören etwas erfahren durch indiskretes Zuhören in der Mittagszeit…

Die beiden Freunde, von denen ich schon etliche Male erzählte, saßen sich wieder speisend im Interconti gegenüber.

Wiederholt hatte ich Gelegenheit, durch die Akustik begünstigt, große Teile ihres interessanten, manchmal frivolen Gespräches zu hören. Sie waren Geschäftsleute, Herren in meinem Alter, die auch über Wertpapiere und Geschäftsambitionen sprachen. Ich meine, sie von der Schule her zu kennen, bin aber nie auf sie zugegangen. Das Zuhören schien mir interessanter. Besonders gern hörte ich Ihnen zu, wenn es, wie heute wieder, um die Damenwelt ging…

„Du wolltest mir doch etwas erzählen über den besonderen Glanz der Frauen!“ sagte der eine, „nun mal los! Wie hast Du das gemeint?“

„Sie sind schon lange keine 20 mehr. doch sie setzen sich einfach mit einem inneren Leuchten über die Zeit hinweg.!“ setzte der andere das Gespräch fast im Vortragston fort. Vorher führte er amüsiert über die Ungeduld des Freundes die Serviette zum Mund um die Fortsetzung des Vortrags etwas hinauszuzögern.

Beide Gesichter strahlten Sinnenfreude aus.

„Ja, es gibt sie, die ganz besonderen Frauen.

Es gibt Frauen, die haben Ausstrahlung. Und es gibt Frauen, die haben eine Aura. Sie betreten einen Raum nicht, nein, sie nehmen ihn ein. Sie füllen ihn mit Spannung, mit Atemlosigkeit und mit Staunen über so viel Schönheit.

Eine solche Energie und Leuchtkraft geht von ihnen aus, dass man niemals auch nur auf den Gedanken käme, sie nach ihrem Alter zu fragen. Jahre spielen bei ihnen keine Rolle. Die Zeit trägt höchstens noch dazu bei, ihre Einzigartigkeit zu potenzieren. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Von wegen!

Da gab es eine Begegnung, erst kürzlich. Es ist noch gar nicht lange her, es war im März, da betrat Ella nach langer Zeit mein Lieblings-Cafe.

Du, ich sage Dir, fast wäre mir die Luft weggeblieben.

Sie trug ein ausladend drapiertes, altrosafarbenes Kleid und einen ziemlich strengen Zopf, den ich an ihr noch nicht gesehen hatte.

Von ihr ging ein Leuchten aus, das den ganzen Raum erhellte und die 20 – 30 Jahre jüngeren Damen im Cafe fast alt aussehen 1ieß.

Unter all den hübschen Girls von damals blieb Ella mir immer am meisten im Gedächtnis, weil sie schon früher eines hatte, was die anderen nicht oder noch nicht in dieser ausgeprägten Form hatten und andere Frauen kaum erreichen werden.

Persönlichkeit.

Ein schweres Wort, leicht ausgesprochen. Persönlichkeit. Man kann sie sich nicht antrainieren wie eine Pilates-Übung. Das ist auch in Wellness-Hotels und Golf-Clubs nicht einfach abzuholen. Man muss nach ihr suchen, nach dieser persönlichen Stärke, man muss sie zulassen, ihr Platz einräumen und ihr selbstbewusst zugestehen, dass sie eines Tages die Hauptrolle übernehmen wird, wenn die Figur nicht mehr ganz so ist wie in den jüngeren Jahren.

Persönlichkeit braucht Zeit, um zu wachsen, aber ist sie erst einmal reif genug, ist sie neben einem gepflegten Äußeren und gut ausgewählter Garderobe die schlagkräftigste Waffe einer Frau gegen das Alter; im Zusammenhang mit Frauen wende ich diesen Begriff gar nicht gerne an.“

„Und Jola?“ fragte der andere. .

„Jola? Ja, Jola ist auch so ein Fall. Ich habe sie aus der Tanzschulenzeit in Erinnerung. Als blutjunge Lady war sie oft in den Tanzschulen und der Rheinterrasse zu sehen. Manchmal sehe ich sie im Robert-Schumann-Saal beim Konzert und wenn sie mich überhaupt anschauen würde, würde sie mich immer noch in ihren Bann ziehen mit ihrem unglaublich verführerischen Lächeln, das alles andere sofort vergessen lässt. Ist sie wirklich schon 50 Jahre alt? Ach was, sie müsste vom Kalender her sogar älter sein.

Statt mich anzulächeln, lächelt sie für andere. Sie erscheint immer in Begleitung eines Kavaliers und befreundeter Paare. Dann führt sie im Foyer ihren hellwachen Blick, ihr schnelles Mundwerk spazieren und sie bringt ein Lachen mit, das nie aufdringlich ist, mit dem sie aber jederzeit eine große Gesellschaft anstecken kann.

Wie alt sie ist? Wen interessiert das schon!

Ich weiß, dass sie längst nicht immer glücklich war über die Jahre hinweg.

Sorgenfalten hat sie aber trotz allen mir bekannt gewordenen Leides gar nicht erst in ihr Gesicht einziehen lassen.

Im Foyer des Schauspielhauses hörte ich sie einmal sagen: „Lachen und Lebensfreude steht doch einer Frau viel besser!“

Sie benimmt sich ganz natürlich. Es mag sein. Dass sie das Gefühl braucht, verehrt, bewundert, geliebt und betrachtet zu werden.

Bitte schön, Jola, aber gerne!“ zwinkerte er zum Schluß.

Die beiden erhoben ihre Gläser.

Der Erzähler fuhr fort:

„Gerade fällt mir dieses alte Wort wieder ein, das mir vorhin entfallen war: Anmut heißt es; ja, diese Frauen haben sich die Anmut, ja, die Grazie… erhalten.!“

Fast hätte ich mich zu ihnen gesellt.

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