ABGELAUSCHT…

Dekolleté und mehr…

Sie saßen im renovierten Radisson beim Essen, diesmal in angenehmer Damenbegleitung. Die Damen erschienen mir wie Silhouetten, scharf wie Scherenschnitte, ihre Kleidung war exquisit und ausdrucksstark, die Damen brauchten eine Bühne.

Rüschen flatterten, Assessoires funkelten ein wenig, ich sah Säume wippen… Sind wir nicht alle Kinder… Prinzessinnen? Es war die Stunde, in der man sich wünscht, die Uhr würde rückwärts laufen…

Der Geräuschpegel des Tischgespräches hob sich schnell und ich konnte das Gespräch gut verfolgen.

Man sprach ein wenig ironisch über Jet-Set und den Silikon- und Botox-Wahnsinn.

Ich hörte, wie der Ältere der beiden Herren frivol schmunzelnd seinen Lippenbart strich, in die Runde schaute und seinen Freund fragte:

„Du kennst doch den Ewald, der Europa-Außendienst bei den vorderasiatischen Backschisch-Kunden macht. Was erzählt der denn so von Paris?. Der führt die Einkäufer doch durch alle möglichen Etablissements; was meldet der denn so?“

Sofort stellten die Damen ihr Gespräch ein und hörten interessiert zu.

„Ja,“ entgegnete der nun, „Was meinst Du beziehungsweise was denken unsere Damen denn, wo der Silikon-Wahn und Botox-Wahn mehr tobt? Im legendären Burlesque-Tanzlokal Crazy Horse in Paris oder an den feinen Stränden der Cote d’Azur – was meint ihr?“

Sofort raunten sich die anderen ihre Vermutungen zu.

„Oh!“ schmunzelte der Freund. „Wenn Ihr auf das Crazy Horse tippt, liegt Ihr falsch. Natürliche Brüste sind nämlich Aufnahmebedingung für die Weltklasse-Ballerinen, die dort tanzen (dürfen).

Alles andere wäre vulgär.

Der Ewald sagt, man muss sich erst mal an die normalen – und wunderschönen – weiblichen Proportionen gewöhnen, wenn man eine Show im Crazy Horse besucht.

Schließlich ist sein Auge mittlerweile anderes gewöhnt, von den mondänen Strandklubs in St. Tropez zum Beispiel.

Da sonnt sich die feine Gesellschaft und gibt sich wohlerzogen.“

„Oha!“ unterbrachen ihn die Damen ungeduldig. Was gibt es denn da zu sehen?“

Die Antwort kam sofort.
„Der Ewald sagt, es gibt: alte Frauen. Junge Mädchen. Kurvige Damen und Twiggy-Typen.
Alle tragen den neuesten Bikini von Erès, teure Kaftane und die neueste Sonnenbrillenform.

Und alle, so sagte er spöttisch und beschrieb das mit Handbewegungen, haben exakt denselben Busen, will sagen Brüste, so rund und prall wie Äpfel. Es geht den Damen nicht mehr nur um die Größe, sondern um die „perfekte“ Form.“

Die Runde verstummte erwartungsvoll.

„ Ewalds kurzes Fazit dazu: Alle sehen gleich aus!“ prustete er zum Schluss.

Die Damen kamen ins Grübeln.

In Sachen Sonnenbrillen (Porsche-Brillen sind seit Jahren out) oder Kaftane sind modische Änderungen nicht weiter schlimm, denn die Artikel kann man austauschen. Einen künstlichen Busen eher nicht – oder nicht ohne Unannehmlichkeiten.

Da gelte es, abzuwägen, hörte ich sie kichernd murmeln.

Und, viel schlimmer: Man ist mit ihm für alle Zeiten auf eine modische Rolle festgelegt, und zwar die der ewigen Sexbombe.

„Ja!“ fuhr der Freund fort. „Hollywoods Regisseure beschweren sich gerade darüber, dass zu viel Botox und Lifting eine Menge Topschauspielerinnen berufsunfähig gemacht hätten:

Keine Mimik mehr möglich!“

„Logisch!“ ergänzten die Damen ironisch und ein wenig hämisch. Wenn die Botox-Dosis misslingt, wie schon oft, dann wären ja Schlafzimmerblick, Freudenausbruch, oder Trauer-Tränen nicht mehr voneinander zu unterscheiden.

Und genauso wäre das ja mit dem Dekolleté. Auch ihm verlangen unterschiedliche Situationen unterschiedliche Anblicke ab.

„Fließende Hippiekleider brauchen unbedingt einen sich leicht nach unten neigenden Busen!“ gab die eine zu bedenken, „Alles, was zu stramm ist, passt einfach nicht zur Lässigkeit. Und was ist denn dann überhaupt mit ´nem sexy Outfit … elegantes Abendkleid mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel? Muss hier die Brust nicht extrem anpassungsfähig sein, weil sich der zarte Stoff sonst über die Oberweite spannt wie ein eng anliegendes Stretch-Paillettenkleid einer Showtänzerin?“

Sie blinzelte mit ihren Blitzaugen einen Flirt in die Runde.

Die andere gab zu bedenken:
„Da ist doch jetzt der Lady-Stil der 1950er Jahre angesagt. Den Spitzbusen zu meinem Modell kriege ich prima hin mit meinem Bullett-Bra, ganz ohne operierte Äpfel!“

Ihr Begleiter prostete ihr fröhlich zu.

Aus dem nun folgenden Gelächter waren dann Gesprächsfetzen zu entnehmen, wie

„Weißes T-Shirt ohne BH? Sieht nur dann ein wenig nach Kate Moss aus, wenn man der Natur NICHT nachgeholfen hat.“

Die Männer kamen herzlich lachend und zwinkernd überein:

„Es lebe das natürliche Dekolleté, in seinen tausend modischen Rollen, auch und gerade wegen der schier unendlichen Auswahl von Push-up-Dessous und -Bikinis.

Die Damen gaben eine Anregung zum Besten: „Was ist sozusagen für ein Dekolleté DIE Rolle seines Lebens? Doch eindeutig ein Tag an den Stränden von St. Tropez! Schließlich hat dort das Oben-ohne-Sonnenbaden Tradition, und zwar in ganz Frankreich.

Eine der Damen erinnerte sich an Urlaubserzählungen ihrer älteren Freundin:

„Früher, zu Brigitte-Bardot-Zeiten, als die ihren Strand bei Ajaccio, Korsika, hatte, zog man den Bikini aus und lüftete dramatisch sein Geheimnis: Der Busen fügte sich vor Publikum seiner ursprünglichen Form.
Und das, obwohl es damals sicher noch
keine spezielle Pflege fürs Dekolleté gab!“

Bald kamen sie auf einen mir sympathisch erscheinenden Gedanken:

Garantiert sieht der naturbelassene Busen von heute besser aus als der von damals. Schließlich kann man ihn heute mit straffenden, glättenden, aufbauenden Produkten (und ab und zu einer Pilates-Übung zur rechten Zeit…) in Form halten.

Im Crazy Horse ist der Moment des Oberteil-Wegtanzens übrigens immer filmreif, weil unglaublich elegant.

Dann kam bei den Damen ein bisschen Stutenbissigkeit auf:

Zu spät kämen all diese Einsichten leider für die meisten Damen an den besagten Stränden.

Aber, was macht das schon?

Schließlich bietet deren mondänes Leben mehr von allem: mehr Glamour, mehr Geld, mehr Verzweiflung.

Und das ist immer noch der Stoff, der aus einem Film einen Welterfolg macht.

Ja, und dann stießen sie miteinander an und hoben die Tafel auf.

Ihre Fröhlichkeit und Leichtigkeit war ansteckend.

Fast hätte ich mich zu ihnen gesellt.

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