Moin moin!* 1950er Jahre in Düsseldorf-Derendorf

Freunde in der Nachbarschaft? Ja, es gab zwei, die mir in besonderer Erinnerung sind.
Einer, der Horst, war ein Junge aus einem brav-bürgerlichen Haushalt. Der Vater war „Bankdirektor“, man fuhr schon VW.

Als ich dort das erste Mal einen Besuch machte, berichtete ich zuhause, …

… dass ich Leute kennengelernt hatte, die helle Wurst und italienischen Salat (heute: Fleischsalat) aßen und die einen Kühlschrank in der Küche hatten. Es gab aber auch andere reiche Leute, nämlich die, die einen Kasten Limo (!) im Flur stehen hatten, der regelmäßig nachgefüllt wurde.

Können Sie sich vorstellen, wie man in den 1950er Jahren gelebt hat, im Mehrfamilienhaus, mit einer Badewanne für alle? Baden freitags, nach Plan?

Entbehrungen habe ich in der Kinderzeit gar nicht empfunden, meine Eltern haben mich verwöhnt. Taschengeld-Probleme hatte ich nicht. Es gab kindgerechte Jobs; ich sammelte am Rheinstadion Tennisbälle auf und war Kegeljunge im Kolpinghaus am Dreieck.
Horst und ich distanzierten uns von den dubiosen Kameraden, die zu unserem Entsetzen auf einmal Jeans und schwarze Lederjacken trugen, sich Elvis-Frisuren zulegten und Mopeds knackten.

Bei uns tanzten die Hormone, denn: Jürgen, einer unserer Kameraden, hatte seinem Vater, der Polizist war, beschlagnahmte Porno-Fotos geklaut. Die betrachteten wir mit hochroten Ohren. Das Thema Mädchen/Frauen rückte in unser Blickfeld. Ab unserem 14. Lebensjahr waren wir ständig in irgendwelche Mädchen verliebt, waren aber viel zu schüchtern, uns denen in irgendeiner Weise zu nähern. Die jungen Damen gingen schon zur Tanzschule Kaechele, also ging ich so schnell wie möglich auch dort hin.

Ja, und dann gab es noch einen anderen, Gerd, den Hilfsschüler, mit dem man laut der Nachbarin nicht spielen sollte. Klar, dass der besonders interessant war! Es hieß, dass er wilde Brüder hatte.

Ja, es gab Cliquen, die Mopeds klauten; speziell gesucht waren die Kreidler Florett; ein teures Gerät. Klauen und mit zwielichtigen Jungs rumhängen war aber nicht unser Ding.

Wie oft der Gerd mich rausgehauen hat, wenn die düsteren Jungs von der Piwipp mich damals recht kleinen Mann verhauen oder meines Fahrtenmessers berauben wollten, lässt sich heute nicht mehr sagen. Wenn es nötig war, hatte Gerd rasch einen Knüppel zur Hand; ihm war dann recht egal, wo er die rauen Jungs traf.

Mit Gerd ergab sich nach der Überwindung unserer Indianer-Spiel-Phase eine Symbiose. Ich machte ihn neugierig auf meine Bücherwelt, es gelang mir ihn zu motivieren. Manchmal saßen wir in den Wäldchen am Großmarkt in den Gebüschen und den Baumhäusern und übten Lesen mit Karl May und Conny Cöll. Derartige Unterstützung gab es in seiner Familie nicht. Gerd überwand seine Schreib- und Leseschwäche. Mit heutiger Erfahrung lässt sich sagen, dass er Legastheniker war; dumm war er nicht.
Ein Einstellungs-Beauftragter der Firma Fenestra sah über Gerds schlechte Schulnoten hinweg und stellte ihn als Lagerarbeiter ein. Gerd wurde wegen seiner Schreib- und Lesefähigkeit rasch Vorarbeiter und später, nach einer Fortbildungsmaßnahme, Magazin-Leiter.

Irgendwann war die (fast) raue Zeit vorbei. Die Themen Kaufmännische Lehre, Mädchen und Tanzschule, Nebenerwerb als Disc-Jockey … gewannen an Bedeutung.

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